RIAM (Reed Instrument Artificial Mouth)
(von Ing. DI (fh) Alex. Mayer )
RIAM
wurde entwickelt, um Rohrblattinstrumente reproduzierbar anzuregen, und
die Rohrblattschwingung sichtbar zu machen.
Weiters bietet RIAM die Möglichkeit, Instrumente oder
Rohrblätter objektiv miteinander zu vergleichen.

RIAM
ist ein computerunterstütztes System. Es besteht aus Hardware und
Software. Im Gegensatz zum künstlichen Bläser für
Blechblasinstrumente wird bei RIAM der schwingungserzeugende
Anregungsmechanismus (Rohrblatt) des Instrumentes ausgenützt.
Wie die Lippen eines Musikers übt RIAM über künstliche
Lippen durch Ansatzposition und Ansatzdruck eine dämpfende Wirkung
aus, um die Resonanzfrequenz des Rohrblattes auf die Impedanz des
Instrumentes für den jeweiligen Ton abzustimmen. An Stelle der
Lungen des Musikers wird das Anregungssystem von einem
Druckbehälter mit Luft versorgt. Wird die Anregung gestartet sorgt
die Software für die Einstellung und Regelung der gewünschten
Ansatzparameter.
Der künstliche Bläser ist bei Holzblasinstrumenten für
mehrere, zum Teil sehr unterschiedliche Untersuchungen geeignet:
a)
objektive Klangvergleiche zwischen einzelnen Instrumenten
b) objektive Klangvergleiche zwischen unterschiedlichen
Rohrblättern
c) objektive Ansatzvergleiche zwischen einzelnen Instrumenten
d) objektive Ansatzvergleiche zwischen unterschiedlichen
Rohrblättern
e) Untersuchungen der Schwingungsformen und -eigenschaften von
Rohrblättern mittels Stroboskoptechnik
Hard- und Softwarekonzepte
RIAM kann grundsätzlich in drei Teile gegliedert werden:
a)
Anblasvorrichtung (mechanischer Aufbau und Sensoren)
b) Daten - Interface
c) PC - Programm
ad
a) Anblasvorrichtung ("künstlicher Mund")
Das Herzstück des Systems stellt der mechanische Teil dar (siehe
Bild). Dieser besteht aus einer Acrylglasbox ("künstliche
Mundhöhle") in der das Mundstück luftdicht eingespannt ist.
Im inneren befinden sich "künstliche Lippen".
Über Schrittmotoren kann deren Position am Mundstück (bzw.
Rohrblatt) variiert werden, was eine Änderung der Blattresonanz
bewirkt. Über ein elektronisches Feindruckregelventil wird das
Luftdruckniveau im Inneren der Box erhöht. Dies bewirkt einen
Luftstrom durch das Instrument, welcher das Rohrblatt zur Schwingung
anregt.
Um Reproduzierbarkeit zu gewährleisten und Informationen über
Ansatzparameter zu erhalten, müssen folgende Meßgeräte
in das System eingebunden sein:
-
Kraftaufnehmer, zur Kontrolle des Lippenanpreßdruckes,
- Drucksensor, zur Bestimmung des Luftdruckes innerhalb des
Gehäuses,
- Positionsmelder für die künstlichen Lippen am
Mundstück.

ad
b) Daten Interface
Neben der Anblaseinrichtung, ist ein "intelligentes Interface"
notwendig, welches Meßwerte der Anblaseinheit umsetzt und an das
PC-Programm übermittelt. Um geringsten Meßwertverlust zu
gewährleisten, sind die Meßverstärker direkt unter der
Anblaseinheit untergebracht.
Diese elektrischen Größen werden von einer National
Instruments-DAQ-Karte in digitale Signale umgesetzt und an den PC
weitergeleitet. Mittels einer mit LabView programmierten Software,
erfolgt die weitere Verarbeitung der Sensordaten, wie Regelung der
Lippenanpresskraft und des Luftdrucks, und die Ausgabe von
Steuersignalen.
ad
c) PC-Software
Das PC-Programm stellt in erster Linie ein "Userinterface" zwischen
Meßsystem und Benützer dar.
Über grafische Schieberegler oder Eingabefelder können
Position der Lippen, Lippenanpreßkraft und Luftdruck vorgegeben
werden, die vom Daten Interface erfaßten Daten (Luftdruck,
Anpreßkraft) werden am Monitor ausgegeben.
Weiters sorgt die Software dafür, dass diese eingestellten Werte
während des Anregevorganges konstant gehalten werden. Durch diese
Regelung können Rückwirkung des Anregungsmechanismus des
Instrumentes auf den "künstlichen Mund" ausgeglichen werden.
Alle veränderbaren Werte können abgespeichert werden, und
können so, zu einem späteren Zeitpunkt exakt die gleichen
Einstellungen des "künstlichen Mundes" wiederherstellen.
Der "Anblasvorgang"
Nach
dem "Start" des Systems, befindet sich die Anregeeinheit in einer
"Warteposition". Nun kann das Mundstück in den "künstlichen
Mund" eingesetzt, und mit einem Dichtring am "Faß" des
Instrumentes luftdicht fixiert werden. Ist dies geschehen, steckt man
das Instrument an das "Faß". Über einen grafischen Taster
teilt man der Software mit, daß ein Instrument "eingespannt" ist.
Da die Mundstücke und "Fässer" durchaus unterschiedlich
aufgebaut sind, erfolgt nun eine Initialisierungsroutine, bei der das
Anblassystem die Position des Mundstückes in der "künstlichen
Mundhöhle" abtastet. Durch diese Selbstjustierung ist
Reproduzierbarkeit bei der Einspannung des Instrumentes gegeben.
Sind dem System die Lagekoordinaten des Mundstückes bekannt, kann
der "User" die gewünschte "Lippenposition", den "Anblasluftdruck"
und die "Lippenanpreßkraft" vorgeben. Übliche Eingabewerte
bei einer B - Klarinette (Wiener Bauart) hierfür währen:
Lippenposition
ca. 15 - 16mm (vom Mundstückanfang gesehen)
Anblasluftdruck ca. 30 - 40 mBar
Lippenanpreßkraft ca. 0,3 - 5 N
Allerdings
sind diese Werte vor allem von der "Stärke" des Rohrblattes und
dem "angeregtem Ton" abhängig.
Nachdem das System die vorgegebenen Werte eingestellt hat, kann die
Anregung beginnen. Zumeist müssen die Parameter während des
Anblasvorganges noch verändert werden, bis der richtige Ansatz
gefunden ist.

Detailansicht von vorne

Detailansicht von schräg oben
Einsatzbereiche
a)
Ermittlung von Ansatzparametern
Ansatzparameter können nach erfolgter Anregung direkt am Monitor
abgelesen werden.
b) Optische Untersuchungen (Videoaufzeichnung)
Um die Rohrblattschwingung sinnvoll mit Video aufzeichnen zu
können, muß das Anblassystem mit einem Stroboskop und einer
speziellen Synchronisationseinheit erweitert werden.
Mittels dieser Synchronisierungseinheit wird ein fixer Phasenbezug
zwischen der Grundfrequenz des schwingenden Blattes und der
Videoabtastung hergestellt. Damit die Videokamera ein "scharfes" Bild
aufzeichnet, benötigt man das Stroboskop. Durch die
Synchroneinheit gesteuert, "blitzt" es nur dann wenn:
- das schwingende Blatt in der richtigen Phasenlage liegt,
- der "Shutter" der Videokamera offen ist.
Nun ist es möglich, die Schwingung des Rohrblattes in "Zeitlupe"
am TV-Bildschirm wiederzugeben.
Durch den fixen Phasenbezug während der Aufzeichnung, ist es aber
darüber hinaus auch möglich die Schwingungmodi in ihrer
Frequenz, und mit geeigneter Software auch in ihrer Amplitude zu
bestimmen.
Wesentlich
einfacher gelingt die Aufnahme mittels einer Highspeed Kamera.
c) Akustische Untersuchung
Da eine Maschine das Instrument "anregt" fallen subjektive Empfindungen
des Musikers dem Instrument gegenüber weg. Der "künstliche
Mund" regt jedes Instrument gleich gut (oder schlecht) an, womit auch
akustische Eigenschaften des Instrumentes objektiv beurteilt werden
können.

Aufbauschema des künstlichen Bläsers für Rohrblattinstrumente
last update: 20.11.99